Gemeindewachstum – Ein Perspektivwechsel in schwierigen Zeiten

Krank oder gesund – eine Kurzdiagnose

„Ich krank? Mir geht es doch gut, das sind nur vorübergehende Symptome. Es wird sicher bald wieder besser!“ Das sind Aussagen von Kranken, wenn sie ihre Krankheit nicht wahrhaben wollen. Wollen wir als Gemeinde unseren Zustand auch verharmlosen? Kann eine Gemeinde überhaupt krank sein? Und wenn eine Gemeinde krank sein kann, wie sieht dann eine gesunde Gemeinde aus? Ein Musterbeispiel für gesunde Gemeinden finden wir in der Apostelgeschichte. Hier einiges was diese Gemeinden auszeichnete:

  1. Die ersten Christen hatten eine persönliche Gottes- und Glaubenserfahrung.
  2. Die ersten Christen berichteten von den großen Taten Gottes.
  3. Der Herr tat täglich hinzu die gerettet werden sollten und die Gemeinden wuchsen rasant.
  4. Die Christen kamen regelmäßig zusammen, um Gott zu loben und zu danken.
  5. Die Christen kannten sich untereinander und halfen einander und anderen in Not.
  6. Die ersten Christen gründeten Gemeinden in Vorderasien und Europa.
  7. Die ersten Christen lösten ihre Streitfragen offen und konstruktiv.
  8. Sie lösten ihre Personalprobleme schnell und pragmatisch und bedarfsgerecht.

Jetzt kann man schnell sagen: Ja, damals, da ging das noch so einfach – aber heute? Müssen gesunde Gemeinde heute nicht anders aussehen? Wie sieht es denn heute aus mit unseren Gemeinden? Starten wir eine vergleichende Kurzdiagnose:

  1. Die wenigsten Christen haben eine persönliche Gotteserfahrung gemacht und wenn doch dann wird kaum darüber berichtet.
  2. Berichte über die großen Taten Gottes gibt es kaum bis gar nicht.
  3. Unsere Gemeinden schrumpfen und werden zusammengelegt.
  4. Es kommen immer weniger Gläubige in den sonntäglichen Gottesdienst.
  5. Die meisten Gottesdienstbesucher sind und bleiben anonym.
  6. Die Caritas hat die Organisation der Hilfe für Notleidende übernommen und der persönliche Bezug zwischen Helfern und Notleidenden entfällt.
  7. Es gibt viele Streitfragen, die wenn überhaupt nur ganz langsam einer Lösung zugeführt werden.
  8. Das Kirchenrecht verhindert pragmatische Lösungen bei der Bedarfsdeckung an Priestern, Diakonen und verantwortlich mitarbeitenden Laien/Getauften.

Unser Fundament – das Göttliche im Menschen

Die ersten Christen hatten nach dem Pfingstereignis eine Glaubensüberzeugung, die ihr Leben veränderte, ja alles auf den Kopf stellte. Welche Botschaft macht uns heute froh, was ist heute unser Evangelium aus dem unsere Sendung entspringt? Was haben wir zu sagen, was treibt uns an, von Gott, Gerechtigkeit, Liebe und der Auferstehung Jesu zu berichten?

Kann es sein, dass wir etwas ganz Entscheidendes aus den Augen verloren haben? Vielleicht fehlt uns der Blick auf das was Jesus uns mitteilen wollte: Gott ist viel mehr als unser Vater oder unsere Mutter. Nicht wir suchen ihn – sondern Gott sucht uns und er setzt alles daran, seine verlorenen Kinder an sich zu binden. Die ersten Christen haben sich von Gott finden lassen und eine Erfahrung gemacht, die ihr Leben veränderte. Nicht nur die ersten Christen, zu allen Zeiten – auch heute – machen Menschen diese Erfahrung, dass sie von Gott geliebt sind und dass sie mit einer gewissen Leichtigkeit ihr Vertrauen auf Gott und den auferstandenen Jesus setzen.

Um dorthin zu kommen brauchen wir ein neues Pfingsten, eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes, denn nur Gott kann seine Gemeinde bauen und uns dazu begeistern unsere Charismen und Fähigkeiten einzusetzen. Und noch etwas: Keiner kann es allein, weder der Papst noch ein Bischof oder Priester. Sie können Rahmenbedingungen schaffen, aber den Rahmen füllen, das ist Aufgabe aller Getauften. Es ist die Liebe, die durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen ist, die uns antreibt, das Leben in Fülle zu leben. Und wo es eine Fülle von Liebe gibt, da werden andere Menschen angezogen und verändert.

Gott ist nicht „katholisch“

Wenn wir im Glauben vom Heiligen Geist erfüllt werden, was können wir dann tun, um auf andere Menschen zuzugehen? Wir können aus unserer „katholischen Wagenburg“ des „rechten Glaubens“ hinausgehen und suchen wo Gott in und durch Menschen aller Nationen und Konfessionen am Werk ist. Das wird uns vielleicht zunächst nicht „schmecken“, aber genau das war die Lektion die Petrus lernen musste, als das Judentum über die Grenzen der jüdischen Gemeinschaft in die Welt hinausgetragen wurde. Als Jude war es ihm nicht erlaubt, zu einem Heiden zu gehen. Bevor er es wagte, den heidnischen römischen Hauptmann Kornelius zu besuchen, wurde er von Gott aufgefordert, das für Juden unreine Getier zu schlachten und zu essen, das Gott bereits „gereinigt“ hatte. Was ist für uns „unrein“, welchen Menschen verweigern wir den Kontakt, weil sie einen anderen Glauben oder eine andere Überzeugung haben? Wagen wir den Perspektivwechsel und sehen wir, dass Gott auch außerhalb der Kirche am Werk ist. Blicken wir nicht nur auf uns und rückwärtsgewandt sondern nach außen und in die Zukunft, die Gott schon vorbereitet hat.

Wachstum – wie geht das?

Wenn wir nun „Feuer“ gefangen haben und mit einer Botschaft in unsere Welt gehen, was ist dann notwendig, damit unsere Gemeinde wachsen kann? Wir brauchen einen Perspektivwechsel wie Jesus ihn verordnet hat: Die Felder sind reif für die Ernte und auch unsere Gemeinde kann wachsen. Auch wenn wir es uns nicht zutrauen, so können wir es doch dem auferstandenen Herrn zutrauen und uns auf das Wachstum einstellen. Wenn wir uns darauf einstellen wollen, können uns folgende Leitlinien zum Gemeindewachstum helfen:

  1. Warum Gemeindewachstum? Es ist der Wunsch und Auftrag unseres auferstandenen Herrn.
  2. Alle müssen es wollen und mutige Schritte wagen
  3. Es braucht eine Strategie und einen Plan
  4. Es braucht ein geisterfülltes und begeisterndes Leiterteam
  5. Kommunikation nach innen und außen – und oben
  6. Prioritäten neu festlegen
  7. Getaufte werden zu charismatischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
  8. Dienstmöglichkeiten für Charismenträger schaffen
  9. Jeder Gottesdienst ein Fest
  10. Nöte der Mitmenschen erkennen und lindern.

Diese zehn Punkte umzusetzen ist eine gewaltige organisatorische Aufgabe und es wird einige Jahre benötigen bis wir die ersten Früchte sehen. Und es werden alle Talente und Charismen von uns Getauften gebraucht. Wollen wir das? Und wenn ja, wollen wir es im Vertrauen auf Sein Wort wagen? Denn nur im Vertrauen auf sein Wort kann es uns gelingen: Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut. Ps 127

K-H Simsheuser